Altersvorsorgedepot ab 2027: Das Ende von Riester
Die Riester-Rente steht seit Jahren in der Kritik: hohe Kosten, niedrige Renditen und ein undurchsichtiges Zulagensystem. Mit dem Altersvorsorgereformgesetz (AVRG) leitet der Gesetzgeber einen grundlegenden Systemwechsel ein. Ab 2027 soll das neue Altersvorsorgedepot Riester ablösen — mit einer einfachen Zulage, flexibler Kapitalmarktanlage und ohne Beitragsgarantie.
Warum Riester gescheitert ist
Die Riester-Rente wurde 2002 als Ausgleich für die Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus eingeführt. Die Idee: staatliche Zulagen und Steuervorteile sollten Bürger zur privaten Altersvorsorge motivieren. In der Praxis zeigte sich jedoch ein grundlegendes Problem — die gesetzliche Beitragsgarantie.
Riester-Anbieter mussten garantieren, dass zum Rentenbeginn mindestens die eingezahlten Beiträge plus Zulagen vorhanden sind. In der Niedrigzinsphase ab 2010 führte das zu einem paradoxen Ergebnis: Um die Garantie einzuhalten, mussten Anbieter das Geld in sichere, aber kaum verzinste Anleihen investieren. Die Rendite nach Kosten lag bei vielen Verträgen nahe null — oder sogar darunter, wenn man die Inflation berücksichtigt.
Hinzu kamen hohe Verwaltungskosten, eine komplizierte Zulagenberechnung, die vom Bruttoeinkommen des Vorjahres abhing, und ein bürokratischer Antragsprozess. Das Ergebnis: über 10 Millionen Riester-Verträge wurden ruhend gestellt, neue Abschlüsse gingen seit 2018 drastisch zurück.
Das Altersvorsorgereformgesetz (AVRG)
Am 11. Februar 2026 wurde der Gesetzentwurf für das Altersvorsorgereformgesetz als Drucksache 21/4088 im Bundestag vorgelegt. Das Gesetz sieht die Einführung des Altersvorsorgedepots ab dem 1. Januar 2027 vor und markiert das Ende des Riester-Systems für Neuverträge.
Die zentralen Eckpunkte:
- Keine Beitragsgarantie: Anbieter müssen nicht mehr garantieren, dass die eingezahlten Beiträge zum Rentenbeginn erhalten bleiben
- Flexible Kapitalmarktanlage: Investitionen in Aktien, ETFs, Fonds und andere Wertpapiere sind möglich
- Einfache Zulagestruktur: Die Förderung wird von der bisherigen einkommensabhängigen Berechnung entkoppelt
- Digitale Verwaltung: Neobroker und digitale Plattformen können als Anbieter zugelassen werden
Die neue Zulage: 30 Cent pro Euro
Die Förderung des Altersvorsorgedepots basiert auf einem transparenten Zulagensystem:
| Eigenleistung | Zulage pro EUR | Maximale Zulage |
|---|---|---|
| Bis 1.200 EUR/Jahr | 0,30 EUR (ab 2029: 0,35 EUR) | 360 EUR (ab 2029: 420 EUR) |
| 1.201 bis 1.800 EUR/Jahr | 0,20 EUR | 120 EUR |
Die maximale Gesamtförderung beträgt damit bis zu 480 EUR pro Jahr (ab 2029 bis zu 540 EUR), wenn der Sparer den vollen Eigenanteil von 1.800 EUR einzahlt. Entscheidend: Die Zulage ist einkommensunabhängig. Ob jemand 20.000 oder 80.000 EUR verdient — die Zulage bleibt identisch. Das beseitigt die größte Schwäche des Riester-Systems, bei dem Geringverdiener oft nicht die volle Zulage erhielten, weil sie den Mindesteigenbeitrag (4 % des Vorjahresbrutto) nicht aufbringen konnten.
📈 Kapitalertragssteuer-Rechner nutzenFrühstart-Rente: 10 EUR pro Monat für jedes Kind
Ein innovatives Element der Reform ist die Frühstart-Rente. Der Staat zahlt für jedes Kind ab dem vollendeten 6. Lebensjahr monatlich 10 EUR in ein individuelles Altersvorsorgedepot ein — vollständig staatsfinanziert, ohne Eigenleistung der Eltern.
- Startkohorte: Zunächst profitieren Kinder des Geburtsjahrgangs 2020, die im Jahr 2026 sechs Jahre alt werden
- Kapitalanlage: Die Mittel fließen in renditeorientierte Anlagen (Aktien/ETFs), um über eine Laufzeit von rund 60 Jahren den Zinseszinseffekt maximal zu nutzen
- Steuerfreiheit: Erträge innerhalb des Depots bleiben während der gesamten Ansparphase steuerfrei. Erst bei Auszahlung im Rentenalter erfolgt die nachgelagerte Besteuerung
Rechenbeispiel: 10 EUR monatlich über 60 Jahre bei einer durchschnittlichen Rendite von 6 % (breit gestreuter Aktien-ETF) ergeben rein rechnerisch rund 107.000 EUR. Der eingezahlte Betrag liegt bei nur 7.200 EUR — der Rest ist Zinseszins. Das zeigt das enorme Potenzial einer frühen, kapitalmarktorientierten Altersvorsorge.
Vergleich: Altersvorsorgedepot vs. Riester
| Kriterium | Riester-Rente | Altersvorsorgedepot |
|---|---|---|
| Start | 2002 | 2027 |
| Beitragsgarantie | Ja (100 %) | Nein |
| Anlageform | Versicherung, Banksparplan, Fonds | ETFs, Fonds, Aktien, flexibel |
| Maximale Zulage | 175 EUR + 300 EUR/Kind | Bis 480 EUR (einkommensunabhängig) |
| Mindesteigenbeitrag | 4 % des Vorjahresbrutto | Kein Mindestbeitrag |
| Kosten | Oft über 1,5 % p.a. | Niedrige ETF-Kosten möglich |
| Besteuerung | Nachgelagert | Nachgelagert |
Übergangsregeln: Was wird aus bestehenden Riester-Verträgen?
Der Gesetzgeber plant folgende Übergangsregelungen:
- Bestandsschutz: Bestehende Riester-Verträge können uneingeschränkt weitergeführt werden. Die bisherige Förderung (Zulagen und Sonderausgabenabzug) bleibt erhalten
- Übertragungsmöglichkeit: Voraussichtlich wird eine Übertragung des angesammelten Riester-Guthabens in ein neues Altersvorsorgedepot möglich sein
- Keine Neuverträge: Ab 2027 werden keine neuen Riester-Verträge mehr abgeschlossen
Für Sparer mit beitragsfreien oder ruhenden Riester-Verträgen kann der Wechsel zum Altersvorsorgedepot sinnvoll sein — insbesondere wenn die bisherigen Produkte hohe laufende Kosten verursachen.
Steuerliche Behandlung des Altersvorsorgedepots
Das Altersvorsorgedepot folgt dem Prinzip der nachgelagerten Besteuerung: Während der Ansparphase bleiben Erträge (Kursgewinne, Dividenden) steuerfrei — die Abgeltungssteuer findet innerhalb des Depots keine Anwendung. Erst bei Auszahlung im Rentenalter werden die Leistungen mit dem dann gültigen persönlichen Einkommensteuersatz besteuert.
Der Vorteil: Im Rentenalter liegt der Steuersatz in der Regel deutlich unter dem während des Erwerbslebens. Zudem profitiert das Depot vom ungebremsten Zinseszinseffekt, da keine Steuer während der Ansparphase abgezogen wird.
Fazit: Ein längst überfälliger Systemwechsel
Das Altersvorsorgedepot behebt die zentralen Schwächen des Riester-Systems: Der Wegfall der Beitragsgarantie ermöglicht eine renditestärkere Kapitalanlage, die einfache Zulagenstruktur macht die Förderung transparent und die Öffnung für ETFs und Neobroker senkt die Kosten. Die Frühstart-Rente für Kinder setzt zudem ein richtiges Signal — je früher die Ansparphase beginnt, desto stärker wirkt der Zinseszinseffekt. Für 2026 heißt es: abwarten, bis die Zertifizierung der Anbieter abgeschlossen ist, und bestehende Riester-Verträge auf ihre Kosten prüfen.